FAQ Mikrochirurgie

Was ist Mikrochirurgie?

Mikrochirurgie ist eine spezielle Methode der Chirurgie, bei der unter dem Mikroskop operiert wird, wenn das bloße Auge nicht mehr ausreicht, die zu versorgenden Strukturen wie Gefäße oder Nerven präzise zu erkennen. Als Methode ist die Mikrochirurgie ein essentieller Bestandteil aller Teilbereiche der Plastischen Chirurgie, vor allem aber der Handchirurgie und der Rekonstruktiven Chirurgie, bei denen die Behandlung von erworbenen Defekten, angeborenen Mißbildungen und Tumorleiden im Vordergrund steht. Wiederherstellung von Form und Funktion ist das Ziel.
Es war der Schwede Carl-Olof Nylen, der 1921 erstmalig das Mikroskop bei einer Operation einsetzte. Obgleich sich die Qualität der Operationsmikroskope kontinuierlich verbesserte und mehr als 25-fache Vergrößerungen erzielt werden konnten, blieb die Mikrochirurgie ein Stiefkind der Allgemeinchirurgie. Erst Anfang der 50er Jahre - zeitgleich mit der Verbesserung der Narkoseverfahren - begann mit dem Einsatz in der Rekonstruktiven Chirurgie der Aufschwung der Mikrochirurgie. Heute ist die Mikrochirurgie ein fester Bestandteil der rekonstruktiven Medizin und aus ihrem Alltag nicht mehr wegzudenken.

 

Wie operiert ein Mikrochirurg?

Moderne Operationsmikroskope erlauben eine stufenlose Einstellung bis zu 40-facher Vergrößerung. Die Operationen können auf einem angeschlossenen Monitor verfolgt werden. Präpariert und genäht wird mit speziellem Instrumentarium, das noch feiner ist als das eines Uhrmachers. Das Nahtmaterial besteht meist aus Nylon. Die Nadeln selbst sind nicht dicker als 60 - 80µm (das entspricht ca. 1/15 mm). Die Fäden haben einen Durchmesser von 20µm und sind damit feiner als Haare.
Um mikrochirurgisch operieren zu können, benötigt man ein speziell ausgebildetes Team. Die Operationsschwester muß im Umgang mit dem Instrumentarium geübt sein und die Chirurgen absolvieren eine besondere Ausbildung. Hierbei wird die Basisausbildung in einem experimentellen Labor erworben, wo die Ärzte zunächst beim Nähen von Gummischläuchen und später an Organen mikrochirurgische Erfahrungen sammeln.

 

Wann wird die Mikrochirurgie eingesetzt?

In der Rekonstruktiven Chirurgie wird die Mikrochirurgie hauptsächlich zur Präparation und zur Naht von Gefäßen und Nerven eingesetzt, die oftmals nicht größer als 0,5 mm sind. Spektakulärster Einsatzbereich ist sicherlich die Replantation, das heißt das Wiederannähen abgetrennter Extremitäten, aber auch anderer Körperteile wie beispielsweise Nasen oder Ohren. Die erste bekannte, erfolgreiche Replantation eines auf Oberarmhöhe abgetrennten Arms eines 12 jährigen Jungen fand 1962 in den USA statt. Bis zur ersten erfolgreichen, mikrochirurgischen Replantation eines Fingers bedurfte es noch weitere 3 Jahre: in Japan replantierten Plastische Chirurgen im Juli 1965 einen komplett abgetrennten Daumen. Durch diese Erfolge beflügelt, hielt die Mikrochirurgie seit 1974 Einzug in die Routine der Plastischen Chirurgen im deutschsprachigen Raum. In personell und fachlich eigens dafür ausgestatteten Replantationszentren werden heute rund um die Uhr Patienten versorgt und betreut.

 

Transplantation unter dem Mikroskop

Der Einsatz der Mikrochirurgie beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Wiederannähen von Extremitäten, sondern ist ungleich vielseitiger. So erlaubt das Operationsmikroskop die Transplantation von körpereigenem Gewebe, beispielsweise Muskeln oder Haut-Unterhautgewebe, zur Deckung von Defekten, die durch Unfälle oder Tumore entstehen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen. So kann beispielsweise nach Verlust eines Daumens eine körpereigene Zehe mikrochirurgisch an den Platz des Daumens transplantiert werden. Die funktionellen Ergebnisse sind inzwischen so gut, daß Patienten nach einer solchen Operation wieder greifen können und durch die Rekonstruktion der Nerven sogar Gefühl im neuen Daumen haben. Damit ist bei den meist handwerklich tätigen Patienten sogar eine Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag möglich.
Daß Funktion und Ästhetik eng miteinander verwoben sind, zeigt sich eindrucksvoll bei einer Gesichtsnervenlähmung, wo die gesamte mimische Muskulatur des Gesichtes meist einseitig, bedingt durch Unfall, Tumor oder Schlaganfall ausfällt. Durch den Ausfall der Muskeln kann das Auge nicht geschlossen werden. Es kommt zum Austrocknen der Hornhaut und zu Geschwüren; gleichzeitig entstehen durch den herauslaufenden Speichel ständig Entzündungen im schlaff herabhängenden Mundwinkel. Die betroffenen Patienten leiden sehr unter dieser offensichtlichen, nicht zu verbergenden Entstellung. Durch die mikrochirurgische Transplantation von körpereigenen Nerven und Muskeln, die an der gesunden Seite angeschlossen werden und damit ihre Bewegungsimpulse von dort erhalten, gelingt meist sowohl eine befriedigende funktionelle Rekonstruktion als auch eine ästhetische Wiederherstellung der Symmetrie des Gesichtes.